ÿþ Hochtaunus · Main-Taunus · Wetterau Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2006, Nr. 295, S. 53 Nach vielen Bewerbungen eine Stelle gefunden Selbsthilfe im Taunus vermittelt Jobs an sonst Chancenlose lat. MAIN-TAUNUS-KREIS. Die Aussicht auf eine Arbeit war minimal. Seit zehn Jahren war die medizinisch-technische Assistentin nicht mehr in ihrem Beruf tätig, außerdem mußte sich die alleinerziehende Mutter um einen behinderten sechs Jahre alten Sohn und eine zehn Jahre alte Tochter kümmern. Ihr "Selbstbewußtsein sei ganz, ganz unten" gewesen, sagt sie im Rückblick auf ihre Situation vor einem Jahr, zumal ihr Mann sie und die Kinder kurzerhand habe sitzenlassen. Ungezählte Bewerbungsschreiben habe sie abgeschickt, aber in ihrem Beruf habe es fast keine Stellen gegeben, und als Verkäuferin habe sie keine Chance gehabt, weil die Betriebe niemanden einstellten, der nicht im Schichtdienst arbeiten könne. Die Zweiunddreißigjährige zählte "zu Menschen mit besonders schweren Vermittlungshemmnissen", die eben nur minimale Jobchancen haben. Aber sie hat doch noch eine Chance erhalten - und genutzt. Die Vermittlung hat Linda Koall, Projektleiterin der Selbsthilfe im Taunus (SiT), ermöglicht. Sie hilft in jenen Fällen weiter, wo ein Broterwerb auf dem ersten Arbeitsmarkt fast unmöglich erscheint. Durchschnittlich 25 dieser Problemfälle aus dem Kreis der Hartz-IV-Empfänger betreut Koall im Jahr. Meist seien es alleinerziehende Mütter, und meist seien sie hochmotiviert und wollten ernsthaft einen Arbeitsplatz finden, wie Koall berichtet. Die Klientinnen seien oftmals Opfer von Gewalt geworden, seien traumatisiert, mutlos; andere hätten hohe Schulden und wüßten nicht, wie sie diese abtragen sollten. Nötig sei eine genaue Betrachtung jedes Einzelfalls. Die Frauen seien zwischen 18 und 62 Jahre alt, manche hätten die Schule nur fünf Jahre besucht, andere seien hochqualifiziert, und zwei von drei Arbeitsuchenden seien länger als zehn Jahre nicht mehr berufstätig gewesen. Die meisten müßten sich obendrein noch alleine um die Kinder kümmern. Dabei habe sich gezeigt: Wenn es mit Hilfe flexibler Arbeitszeiten gelinge, die Betreuung der Kinder zu sichern, gebe es kaum zuverlässigere und zufriedenere Mitarbeiterinnen als diese Frauen. Die 32 Jahre alte medizinisch-technische Assistentin beispielsweise schulte zur Altenpflegerin um und fand eine Stelle. Sie entwickelte sich zur geschätzten Kraft, obwohl sie morgens eineinhalb Stunden später als ihre Kolleginnen anfange, weil der Schulbus den behinderten Sohn erst um acht Uhr abhole, sagt Koall. Freilich seien Partner nötig, die sich auf solche Arrangements auch einließen. Ihr komme jede Vermittlung wie ein kleines Wunder vor, obwohl sie öfter als gedacht erfolgreich sei, sagte Koall. 16 der 25 arbeitsuchenden Frauen seien in diesem Jahr in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt worden. Sie seien beispielsweise als Bürokauffrau oder auch als Küchengehilfin tätig. Die "paßgenaue Vermittlung" ist nach Einschätzung von Monika Fuchs, Leiterin der beruflichen Integration bei der Selbsthilfe im Taunus, eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg. Koall könne etwa auf die Unterstützung von Schuldnerberatern wie Psychologen zurückgreifen. Den neun Frauen, die in Koalls "Obhut" noch keinen Arbeitsplatz gefunden hätten, fehle keineswegs das Engagement. Sie seien vielmehr nach grauenhaften Erlebnissen "so fix und fertig und zerschunden", daß sie erst Schritt für Schritt wieder Selbstvertrauen in die eigenen Möglichkeiten fassen müßten. Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main